Basierend auf den Lehren von Bruce Lee, wie sie seine Tochter Shannon Lee in ihrem Buch „Be Water, My Friend“ darlegt, beleuchten die „Sechs Krankheiten“ die subtilen Wege, auf denen das Ego unser Denken und Handeln im Alltag dominiert, während das Nicht-Wettbewerbs-Modell einen Weg zur authentischen Selbstverwirklichung durch Anpassungsfähigkeit und innere Harmonie aufzeigt.
Zusammenfassung des Inhalts
In der Mitte des Buches geht Shannon Lee (meiner Meinung nach viel zu kurz, nur zwei Doppelseiten) auf zwei wesentliche Inhalte der Lehren von Bruce Lee ein: die sechs negativen Antriebe (Krankheiten) und das positive Gegenmodell des Nicht-Wettbewerbs.
1. Die Sechs Krankheiten
Der Text identifiziert sechs Antriebe, die aus dem Wunsch nach Wettbewerb und externer Validierung entstehen und zu Trennung, mangelnder Zusammenarbeit und fehlender Kokreation führen (es gibt nur den Sieger und den Verlierer):
- Das Verlangen nach Sieg: Der Zwang, der Gewinner zu sein, wobei alle anderen Verlierer sind.
- Das Verlangen, auf technische List zurückzugreifen: Die Lust, die eigene Klugheit zur Schau zu stellen, ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer.
- Das Verlangen, alles Gelernte zur Schau zu stellen: Der Drang, mit Wissen zu prahlen, unabhängig davon, ob es relevant oder gar dumm ist.
- Das Verlangen, den Feind in Ehrfurcht zu versetzen: Das Bedürfnis, andere durch schockierendes oder wildes Verhalten zu beeindrucken, um deren Zustimmung zu erhalten.
- Das Verlangen, die passive Rolle zu spielen: Die Taktik, unterwürfig und liebenswert zu sein und alles zu opfern, um gemocht zu werden (eine subtile Form der Validierungssuche).
- Das Verlangen, jede Krankheit loszuwerden: Die ego-gesteuerte ständige Selbstoptimierung, die im Grunde eine Leugnung des eigenen, nicht perfekten Zustands darstellt („Ich bin nicht in Ordnung, so wie ich bin“).
Der Text schlussfolgert, dass diese Krankheiten lediglich Täuschungen des Geistes und des Egos sind und als Wege zur Selbsterforschung dienen sollen, um die zugrunde liegenden Schmerzpunkte zu heilen.
2. Das Nicht-Wettbewerbs-Modell und das Wasser-Prinzip
Als Gegenentwurf zur Wettbewerbsmentalität wird das Nicht-Wettbewerbs-Modell präsentiert, dessen Philosophie durch das Bild des Wassers („Be Water, My Friend“) veranschaulicht wird:
- Inneres Wachstum: Wahres Potenzial wird nur durch die gründliche Beobachtung des eigenen Erlebens und die Maximierung der eigenen Erfahrung erreicht – nicht durch den Vergleich mit anderen.
- Kokreation und Koexistenz: Im Gegensatz zum Wettbewerb, der trennt, ist das Leben eine Kokreation. Das Wasser kämpft nicht gegen die Erde, sondern koexistiert mit ihr (es ist einfach). Es gibt keinen Vergleich und keine Wertung.
- Selbst-Wettbewerb: Der zentrale Appell lautet: „Konkurriere mit dir selbst.“ Es geht darum, sich selbst voranzutreiben, sich selbst zu übertreffen und sich selbst zu entwickeln.
- Keine Plateaus: Man soll nicht nach den Erwartungen anderer leben, sondern nach der eigenen Kraft. Es gibt keine endgültigen Grenzen oder Siegesmomente, sondern nur Plateaus, die überwunden werden müssen.
Vergleich mit der Philosophie des Aikido
Die Philosophie des Textes weist eine außerordentlich starke Parallele zu den Kernprinzipien des Aikido auf.
1. Wettbewerbslosigkeit und Selbstverbesserung
- Philosophie: Der Text lehnt Wettbewerb entschieden ab und rät: „Konkurriere mit dir selbst.“ Ziel ist die innere Prozessentwicklung und das Wachstum des eigenen Selbst.
- Aikido-Bezug: Traditionelles Aikido kennt keine sportlichen Wettkämpfe. Das Training dient nicht dazu, einen Gegner zu besiegen oder zu beweisen, dass man besser ist (was die „Sechs Krankheiten“ fördert). Stattdessen ist es ein Weg (Do) der Selbstvervollkommnung und der körperlichen/geistigen Schulung (Budo), wodurch es die Haltung des „Wettbewerbs mit sich selbst“ perfekt widerspiegelt.
2. Harmonisierung und Kokreation (Das Wasser-Prinzip)
- Text-Philosophie: Das Modell des Wassers steht für Kokreation und Koexistenz; es geht darum, in Harmonie mit der Umgebung zu sein und nicht gegen sie zu kämpfen.
- Aikido-Bezug: Aikido-Techniken basieren auf dem Prinzip der Harmonisierung (Awase) und des Mitgehens mit der Energie des Angreifers, anstatt dessen Kraft zu blockieren oder mit roher Gewalt zu begegnen. Der Angriff wird aufgenommen und umgelenkt, was genau dem fließenden, nicht-widerständigen Wesen des Wassers entspricht, das sich an seine Umgebung anpasst (z.B. den Flusslauf ändert), ohne sich im Kampf aufzureiben.
3. Transzendierung des Egos
- Text-Philosophie: Die „Sechs Krankheiten“ werden als „Täuschungen des Geistes und des Egos“ entlarvt, die zu Konflikt und Entfremdung führen. Das Ziel ist es, die Verletzungen zu heilen, die diese Krankheiten verursachen.
- Aikido-Bezug: Ein zentrales Konzept im Aikido ist Masakatsu Agatsu (Der wahre Sieg ist der Sieg über sich selbst). Es geht darum, das eigene Ego zu überwinden und die wahre Natur des Konflikts zu verstehen, was in der Praxis bedeutet, den Konflikt zu kontrollieren, ohne den Gegner zu zerstören. Dieser Ansatz, der den egozentrierten Wunsch nach Sieg, List oder Selbstbeweihräucherung ablehnt, dient der Friedensstiftung und der Reinigung (Misogi) des Geistes, und steht damit im direkten Kontrast zu den ego-getriebenen „Sechs Krankheiten“.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die im Text dargelegte Philosophie der Kokreation, Wettbewerbslosigkeit und Selbstentwicklung durch das Wasser-Prinzip fundamental mit der friedvollen, harmonisierenden und ego-transzendierenden Essenz der Kampfkunst Aikido übereinstimmt.
